Ich bin so frei!?

Gott schenkt den Menschen Freiheit und mutet ihn damit eine Menge zu, denn Freiheit hat Grenzen und zwingt uns zur Entscheidung

Eine grenzenlose Freiheit – so gerne wir davon träumen – gibt es nicht.

Predigt von Dr. Peter Müller:

Ich bin so frei?! Phil 2, 4 – 9

Ich weiß nicht, wie es Ihnen / Euch geht, wenn Ihr über Freiheit nachdenkt!? Mir kommt die Freiheit oft mehr wie ein Knäuel vor – unübersichtlich …

Wir leben in einem Geflecht von Verpflichtungen, von Bindungen und – nicht zuletzt von Prägungen. Denken wir nur an unsere Familien, die uns von Kindesbeinen an geprägt haben. Wie oft hört man heute: Ich kann nicht anders, weil ich so geprägt wurde.

Ich denke an die Erwartungen, die jeden Tag an uns gestellt werden: Eigentlich ist es nicht richtig, aber das ist heute nun mal so. Da kann man nichts machen…

Und wie ist es mit dem Schicksal? Ich kenne Menschen, die sich wirklich jeden Tag redlich bemühen und dennoch werden sie vom Schicksal schwer geschlagen. Sei es Krankheit, eine plötzliche Trennung, Kinder entwickeln sich in eine völlig andere Richtung … Oder im politischen Kontext: Menschen, die sich in Palästina oder im Iran wirklich redlich um ein anständiges Leben bemühen und dann schlagen die Bomben ein … Freiheit ein schwieriger Begriff …

In der Philosophie gibt es dafür einen Begriff: Determinismus. Der Mensch ist ein determiniertes Wesen. Er ist bestimmt durch die Gesellschaft (Soziologismus), durch die Psyche (Psychologismus) oder durch die Wirtschaft (Konsumismus). So gesehen  ist es mit der Freiheit nicht mehr weit her. Und deshalb bin ich auch nicht mehr verantwortlich. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass viele Menschen genau dies heute denken / fühlen. V. Frankl hat dies die Pathologie des Zeitgeists genannt. Und diese Krankheit lässt sich an vielen Stellen unseres heutigen gesellschaftlichen Lebens gut ablesen.

Aber irgendetwas tief in mir sperrt sich dagegen! Ich will frei sein … Bin ich wirklich nur ein Hampelmann? Jemand zieht an mir und ich hebe dann brav das Händchen oder das Beinchen?

Etwas tief in mir regt sich … ist es die Stimme eines göttlichen Geheimnisses? Ist es die Erinnerung an die Zusage: Du bist mein Ebenbild – Du bist für mich ein königliches Wesen – ich habe dich mit einer Krone versehen – einer unzerstörbaren Würde? Und genau hier spüre ich: das ist meine Wahrheit und meine Freude, meine Freiheit?

Mit dieser Perspektive will ich auf die Welt schauen. Mit dieser Brille erkenne ich: diese Wahrheit gilt nicht nur für mich: „Ihr seid zur Freiheit berufen!“ sagt Paulus (Gal 5, 13) Es ist eine Zusage und eine Zumutung für uns alle!! Denn: Die schwierigen Anmerkungen zur Freiheit bleiben ja bestehen; wir sind geprägt! Wir leben in Beziehungen und insofern gibt es keine absolute Freiheit. Das ist nicht unser Wesen.  Aber: als Beziehungswesen sind wir frei. Als Menschen haben wir eine relationale (keine relative) Freiheit. Wir haben eine Freiheit von, aber noch viel mehr sind wir frei für etwas. Und hier kommt nun das heutige Evangelium ins Spiel: Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.

Paulus meint dann doch: Freiheit realisiert sich nicht im Individualismus – es geht um das Miteinander. Wie dieses „miteinander“ gelebt werden kann, wird durch einen Menschen vorgelebt: Dieser Mensch hat ein Gesicht, einen Namen: Jesus – Yeshu’a übersetzt: „Gott hilft“

Nehmt Jesus Christus als Maßstab für euer ganzes Leben. Er war in allem Gott gleich und doch hielt er nicht daran fest, zu sein wie Gott. Er gab es willig auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen.

Wenn dieser Gott mit uns das Leben teilt, so teilt er mit uns auch unsere Freiheit! Und hier wird es nun sehr ernst, oder besser gesagt: existenziell. Gott will uns als Freie!! Weil er dies will,( Er gab es willig auf)  „muss“ er verzichten: auf was? Auf seine Allmacht in dieser Welt. Gott nimmt, in seiner Beziehung zu uns, seine Liebe so ernst, dass er uns die Freiheit ermöglicht. Da hat er sich in Freiheit festgelegt.

Das hat radikale Konsequenzen: dieser Gott Jesu ist nicht der Hampelmann, für den ihn viele immer noch halten:

  • Wir sind keine Spielfiguren, die von ihm wie Befehlsempfänger über das Brett geschoben werden.
  • Wir sind vielmehr eingeladen in sein Hauptquartier. Gott ist Mensch geworden um uns seine Ziele, wohin es mit uns in Freiheit gehen soll, aufzuzeigen: immer mehr Mensch werden im Dreiklang von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
  • Wir sind Mitarbeiter an diesem evolutionären Ziel: in Freiheit miteinander das Reich Gottes aufzubauen.

Ist das naiv – blauäugig – die falsche Brille?

Erinnern wir uns wieder an Paulus: Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja den Verbrechertod am Kreuz.

Die Freiheit zu der uns Gott einlädt umfasst das Leid, das Böse. Wenn wir die Freiheit zum „Ja“ haben, haben wir auch die Freiheit zum „Nein“.

Letztlich zeigt sich hier auch: Gott opfert nicht seinen Sohn. Was wäre das für ein blutrünstiger Gott, der durch ein Menschenopfer versöhnt werden muss? Nein! Wer Freiheit wählt, wie Gott das tut, wie wir das tun sollten, geht ein Risiko ein. Jeder der leibt kennt das …

Die Frage ist aber: Hat diese liebende Freiheit des „Ja“ das letzte Wort? Oder gewinnen die Spinner, die Egotaktiker dieser Welt?

Unser Osterfest gibt uns die Antwort. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? (Lk 24,5)er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. (Mt 28,7)

Wir haben die Freiheit zu dieser Hoffnungsbotschaft. Gott hat einen Plan und der schließt unsere Freiheit mit ein. Er bindet sich an uns. Da hat er sich in Freiheit festgelegt – festgeNagelt) Das ist sein liebendes Vertrauen in uns als seine göttlichen Geschöpfe.

Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Ehrennamen verliehen, der ihn hoch über alle stellt.

Auch uns – als Christen- ist dieser Ehrennamen verliehen. In dieser Verbindung können wir unsere Freiheit leben. Sie ist ein großes Geschenk. Sie hebt uns über die Determinismen der Welt hinaus. Es bleibt für jeden von uns immer ein Spalt von Freiheit. Wohin zieht es uns? Was ist uns wertvoll? Woran binden wir uns? Für diesen Spalt sind wir verantwortlich. Das macht unsere königliche Würde aus. Setzen wir unsere Krone auf und machen wir uns auf den Weg: auf nach Galiläa!! Das ist die Freiheit sie zählt.

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